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Schönheit trotz Chemie

MZ 05.07.2016

Es raucht so weiß und friedlich unter blauen Himmeln – zumindest auf jenen Kunstwerken, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind und vom Aufbau des Sozialismus in der DDR im Allgemeinen und der Leuna-Werke im Speziellen künden.  So zu sehen etwa auf den Gemälden „Aufbauphase B. 203“ und "Kraftwerk B. 203“ (beide 1959) von Hans Rothe, die am Beginn der Ausstellung „Leuna in der bildenden Kunst“ der cCe-Galerie des Kulturhauses Leuna zu sehen sind. Der Maler hat, mit schnellem und breitem Pinselstrich sowie aus erhöhter Perspektive, das Wachsen des Chemiestandorts begleitet. 

Rothes Arbeiten gehörten, wie der größte Teil der Exponate, zur Kunstsammlung der Leuna-Werke und sind heute im Besitz des Landes Sachsen-Anhalt. Mehr als 700 Kunstwerke zählt die Kollektion, die aber nicht nur Werke mit Szenen aus der Welt der Chemieindustrie umfasst, sondern thematisch viel facettenreicher angelegt ist, wie Alexandra Kitzing, die Leiterin der Leunaer cCe-Galerie, sagt. Die Ausstellungshalle kann immerhin eine Auswahl von 40 Werken von 30 Künstlern präsentieren. 

Das Leuna-Werk in seiner Komplexität erfassen zu wollen, war Auftrag  oder Anliegen von G. Dittner. „Werkansicht“ (1964) heißt das zwei mal drei Meter große Ölgemälde, auf dem der Künstler oder die Künstlerin -  Genaueres lässt sich nicht ermitteln – die technischen Anlagen samt Leitungssystemen und Rohrbrücken fast fotorealistisch wiedergibt. 

Um größtmöglichen Detailreichtum bemüht war Jahre früher bereits Otto Bollhagen (1861-1924) auf dem Monumentalbild „Ammoniakwerk Merseburg“ (um 1920), das – als Leihgabe von der BASF aus Ludwigshafen nach Leuna gekommen – neben der titelgebenden Fabrik am Südende des Werkes auch die mit ihm entstehende Gartenstadt Leuna zeigt. Bollhagen, der seine Ansicht mit Hilfe von Plänen und Luftaufnahmen anfertigte, wählte eine Vogelperspektive, so dass man bis zum Gradierwerk in Bad Dürrenberg und fast bis Großkorbetha blicken kann. 

1,90 Meter mal 4,50 Meter misst die Arbeit des auf Industriedarstellungen spezialisierten Malers aus Bremen, der seine Arbeit selbstkritisch „nur als wirklich dekorative bzw. angewandte Zweckleistung“ betrachtete. 

Das Augenmerk der Künstler, die, aus freien Stücken oder im Auftrag, die Leuna-Werke und die dort arbeitenden Menschen porträtieren, verändert sich in den 1970er Jahren grundlegend. Nicht mehr sozialistischer Aufbauwille, der einst „Schönheit durch Chemie" versprach, steht im Vordergrund. Mit Zunahme der in der DDR-Öffentlichkeit verschwiegenen Umweltverschmutzung verdüstert sich auch die Palette der meisten Künstler, die das volkseigene Unternehmen auf die Leinwand bannen. 

Heinz Wagners Gemälde „Leuna“ von 1976 ist dafür ein beredtes Beispiel. Das Hochformat wird zu zwei Dritteln von einem dunkelblauen Himmel beherrscht. Darunter sind, in weiter Entfernung, rauchende Schlote und eine tiefrote Abgasfackel zu erkennen. Im Vordergrund breitet sich eine senffarbene Ebene, die nicht erst dem Betrachter des Jahres 2016 als wüst und tot erscheinen muss. 

Gleiches gilt für Heino Koschitzkis „Der schwarze Fluss (Saalelandschaft)“. Das Gemälde von 1978/79 zeigt eine unverdächtige Winterlandschaft bei Leuna, dessen Chemiewerk als Silhouette zu erahnen ist. Über dem Strom spannt sich eine Rohrbrücke. In der Kunst der doppelbödigen Interpretation geschult, dürfte der DDR-Bürger schon damals mehr als eine stimmungsvolle Schneelandschaft gesehen haben. „Der schwarze Fluss“ hat neben einer direkten Bedeutung (von Schnee umgebene Gewässer wirken schwarz) auch eine untergründige: Der schwarze ist ein verdreckter Fluss.   

Auch die „Leuna-Pelzer“, wie sich die Arbeiter selbst nannten, erscheinen ab den 70er Jahren nicht mehr als Helden der Arbeit, vielmehr wird das Menschlich-Allzumenschliche betont. Repräsentativ ist hier Heino Koschitzkis „Energetiker I“ von 1980, ein Gemälde, auf dem zwei graue, puppengesichtige Personen in Kitteln und mit Helmen durch das braune Gewirr einer chemischen Anlage gehen und den Eindruck erwecken, als haben sie sich in dieser giftigen Trostlosigkeit hoffnungslos verlaufen. 

Noch offensiver geht Norbert Wagenbrett das Thema an, der im Wendejahr 1989 „Brigade III“ malte. Der Leipziger unterläuft alle Vorstellungen, die man mit diesen Titeln verbindet. Das Bild zeigt ein Paar in der DDR-Jugendmode der späten 80er Jahre. Das Oberteil der Frau gewährt zwar keinen Einblick, lässt aber dennoch tief blicken, da ihre Bluse mit Bananen geschmückt ist. Vielmehr als die Anspielung auf das in der DDR rare Obst geben die freud- und ausdruckslosen Gesichter zu denken. Welten trennt dieses Bild von einem Gemälde wie Walter Dötschs „Arbeiterballerina“ (1974), das eine ebenso zarte wie selbstbewusste junge Frau mit Kopftuch zeigt, die in drei Schichten in Leuna ackert und nebenbei noch die Zeit für klassischen Tanz findet. 

Die klug komponierte Werkauswahl in der cCe-Galerie macht vor allem eins deutlich: Schönheit war in der DDR nicht durch, sondern vielmehr trotz Chemie möglich.