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Martin K. Halliger

PR-Management / Pressesprecher

Corona bremst Bioraffinerie

MZ 04.02.2022

Der Gaschromatograph verrichtet bereits seine Arbeit. Der Roboter untersucht die Proben, die in Miniampullen unter ihm stehen. Er ist Teil der Analyse, mit der der finnische Konzern UPM künftig die Qualität seiner Produkte am Standort Leuna untersuchen will.

Der Roboter steht in den bereits einsatzfähigen Laboren, die Rico Hampel, Leiter der Analyseabteilung, und Konrad Gebauer, zuständig für Prozessentwicklung, mit ihren Kollegen im vergangenen Jahr geplant und aufgebaut haben. Im Dezemer sollte eigentlich Einweihung mit dem Ministerpräsidenten gefeiert werden, doch die Festivität entfiel wegen der Pandemie.

Die Fenster des zweistöckigen Containerbaus, in dem sich die Labore befinden, bieten einen guten Überblick auf das Kernstück der UPM-Investition am Standort. Über eine halbe Milliarde Euro investiert der Konzern in Leuna in seine Bioraffinerie, die Holz in Chemikalien vewandelt. Produktionsstart sollte in weniger zwölf Monaten sein. Doch derzeit finden vor allem Erdarbeiten statt, nur ein paar Betonpfeiler ragen in die Höhe sowie die blauen Träger der späteren Leitungsbrücken. "Die Pandemie hat uns leider stärker getroffen als erhofft", berichtet Michael Duetsch, Geschäftsführer für den Standort: "Statt zum Jahreswechsel 2022/23 rechnen wir jetzt mit einem Betriebsstart Ende 2023."

Der Projektverantwortliche nennt zwei Gründe: Zum einen seien Materialien nicht lieferbar gewesen. Zum anderen habe die Detailplanung wegen der Home-Office-Pflicht in einigen Ländern gestockt. Denn die benötigten Rechenleistungen gebe es oft nur im Büro. Ob das Projekt durch die Verzögerung teurer wird, konnte Duetsch noch nicht sagen: "Wir berechnen jetzt noch mal unsere Kosten. Zur Zeit stehen aber die 550 Millionen Euro."

Der Zeitplan hatte Priorität. Denn von dem hängt viel ab. Nicht zuletzt, wann der Konzern Lieferzusagen an Kunden machen kann. Im Wesentlichen wird er zwei Produklinien anbieten, die beide helfen sollen, fossile Ausgangsstoffe, etwa in der Kunststoffproduktion, zu ersetzen. In der Raffinerie wird aus Laubholz, zunächst Buche, das aus regionalen Abfällen von Sägewerken und der Waldpflege kommen soll, zum einen Lignin gewonnen, das aufbereitet als Füllstoff etwa Industrieruß in Reifen ablösen könnte. Zum anderen entstehen über Zucker Monoethylen- und Polypropylenglykol, die zur Produktion von Kunststoffverpackungen oder als Enteisungsmittel eingesetzt werden können.

Direkte Abnehmer am Standort Leuna gebe es bisher nicht, erklärt Duetsch. Im näheren Umfeld sieht er aber Absatzchancen. "Die Verzögerung ist bedauerlich. Sie ändert aber nichts an unseren guten Marktaussichten." In Pilotanlagen in Finnland habe man die Produktion schon im Tonnenmaßstab hergestellt. Gemeinsam mit einem Partner und Coca Cola arbeitet UPM in China an PET-Flaschen aus Holz. 

Parallel dazu läuft bereits die Personalrekrutierung, wenn nun auch mit weniger Zeitdruck. Gut 100 Mitarbeiter sollen es am Ende werden. Die Kräfte für das Labor sind ja ohnehin schon da. "Nun suchen wir vor allem noch Chemikanten und Anlagenfahrer", sagt Duetsch und lobt den Standort Leuna: Hier lasse sich gutes Personal rekrutieren. "Wir sehen in keinem Bereich einen Mangel." Der Geschäftsführer versucht, der Verzögerung Gutes abzugewinnen. So könne man das Anfahren der Anlagen besser vorbereiten. Entsprechende Trainingsprogramme seien schon geschrieben. Sie sollen an einem digitalen Zwilling der Raffinerie trainieren.

Der dient zugleich dazu, die Anlage weiterzuentwickeln. Eine Aufgabe, die auch Rico Hampel und vor allem Konrad Gebauer mit ihren Teams im Labor haben. Dort sei unter anderem die Anlage in kleinem Maßstab nachempfunden, berichtet Letzterer. "Wir schauen, wie wir den Prozess optimieren können." Als Ansatz sieht er etwa die verwendeten Katalysatoren. Dass sich sein Arbeitsplatz in einem Containerbau befindet, soll übrigens eine Dauerlösung sein, selbst dann, wenn die bereits angelieferten bis zu 50 Meter hohen Reaktoren Ende 2023 in Betrieb sind: " Der lässt sich, wenn wir merken, dass wir mehr Laborkapazitäten benötigen, einfach erweitern, begründet Duetsch.