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Industriegase-Konzern investiert in Leuna 100 Millionen Euro

LVZ vom 12.07.2019

Der Anlass war, zumindest im globalen Maßstab gesehen, eher gering. Die InfraLeuna GmbH, der Betreiber des dortigen Chemieparks, nahm gestern offiziell eine neue Abwasserannahmestation für Tankfahrzeuge in Betrieb. 0,5 Millionen Euro wurden in dieses auch dem Umweltschutz dienende Projekt gesteckt. Damit hat InfraLeuna nach Angaben von Geschäftsführer Christof Günther in den vergangenen sechs Jahren in die Modernisierung der Abwasserbehandlungsanlage auf dem 1.300 Hektar großen Areal (das entspricht 1820 Fußballplätzen) insgesamt rund 18 Millionen Euro gesteckt.

Doch so ganz nebenbei sickerte gestern durch, dass der Industriegasekonzern Linde erhebliche Investitionen am Standort plant. Wie Andreas Dietrich, Leiter der Regionen Ost und Nord, der LVZ bestätigte, soll für 50 Millionen Euro eine dritte Anlage zur Herstellung von Wasserstoff errichtet werden. "Sie ist in Planung und kommt auf jeden Fall", sagte Dietrich. Nur wann, das stehe noch nicht exakt fest.

Das gilt auch für eine weitere vorgesehene Anlage, diesmal zur Verflüssigung von Wasserstoff. Eine davon steht bereits in Leuna, nun soll eine zweite für 35 Millionen Euro hochgezogen werden. Europaweit gibt es nur vier derartige Apparaturen, je eine davon in Frankreich und in Belgien. Sie gehören Mitbewerbern von Linde. Hintergrund ist die steigende Nachfrage nach flüssigem Wasserstoff durch die Elektronikindustrie. Sie benötigt den Stoff unter anderem zur Fertigung von Wafern, also kreisrunde oder quadratische, etwa einen Millimeter dicke Scheiben. Sie werden auch in der Solarindustrie benötigt.

Doch damit hat Linde noch nicht genug. Es gibt Überlegungen, die CO2-Produktion zu erhöhen. Das würde weitere 20 bis 30 Millionen Euro kosten. Damit würde die Gesamtsumme der vorgesehenen Investitionen bei mehr als 100 Millionen Euro liegen. Linde beschäftigt in Leuna knapp 500 Mitarbeiter. Das Gasezentrum versorgt über ein 500 Kilometer langes Rohrleitungsnetz rund 40 Großkunden im mitteldeutschen Chemiedreieck.

Keine negativen Auswirkungen auf den hiesigen Standort hat die in diesem Jahr gegen den heftigen Widerstand der Arbeitnehmer vollzogene Fusion von Linde mit dem US-Konkurrenten Praxair und dem damit verbundenen Aufstieg zum weltweit größten Industriegaseproduzenten. Zu den Genehmigungsauflagen gehörte dem Vernehmen nach, dass sich die Amerikaner aus einigen deutschen Geschäften zurückziehen mussten. Im Gegenzug hatte die US-Kartellbehörde Linde dazu verdonnert, neun Standorte in den USA an vier verschiedene Unternehmen zu verkaufen. Mit dem Zusammenschluss überrunden Linde und Praxair ihre Rivalen Air Liquide und Air Products.

Aber auch InfraLeuna nimmt Geld in die Hand, um den Chemiepark, auf dem gut 100 Firmen aus zehn Nationen ansässig sind - sie beschäftigen zusammen 10.000 Menschen - in Schuss zu halten. "Damit schaffen wir die Voraussetzungen, um den bei uns angesiedelten Unternehmen weiteres Wachstum zu ermöglichen", sagte Günther.

Bekanntlich wird auch die zum französischen Total-Konzern gehörende Leuna-Raffinerie in den nächsten zwei Jahren alleine 300 Millionen Euro in die Hand nehmen.

Die eine Hälfte soll dazu dienen, die Fertigung umzurüsten. Da wegen des Vorankommens der Elektromobilität weniger Diesel und Benzin nötig sei, soll mittelfristig die Methanolherstellung ausgebaut werden. Damit verbessere sich die Wettbewerbsfähigkeit der Anlage, sagte dazu kürzlich Raffinerie-Chef Willi Frantz. Diese Strategie hin zum Erschließen neuer Märkte abseits des Benzins verfolgt auch der gesamte Konzern.

Die andere Hälfte fließt nächstes Jahr in die turnusmäßige Generalinspektion. Bei diesem Großstillstand werden die Anlage gereinigt und, wo erforderlich, Teile ausgetauscht. Zudem geht es um die Überprüfung der Sicherheitsauflagen.

Einen vorsichtigen ersten Schritt zur Ergänzung des Produktangebots in Richtung Pharmabranche verzeichnet InfraLeuna mit dem Bau einer Anlage zur Herstellung von Cannabis für medizinische Zwecke durch die Aurora Deutschland GmbH. Das Unternehmen, eine Tochter des börsennotierten Cannabis-Produzenten Aurora Cannabis mit Sitz im kanadischen Edmonton, steckt in den Bau auf einer 10.000 Quadratmeter großen Fläche im Chemiepark einen zweistelligen Millionenbetrag und schafft 50 Arbeitsplätze. Das erste von Aurora in Deutschland angebaute medizinische Cannabis soll den Patienten im Oktober 2020 zur Verfügung stehen. Die Anlage in Leuna "ist für uns der nächste logische Schritt im Ausbau unseres europaweiten Produktionsnetzwerkes zur Versorgung von Patienten mit standardisierten sowie medizinischen Cannabis- Blüten und Vollextrakten", so Deutschland-Chef Philip Schetter.

Nach 1990 wurde das Areal der früheren Leuna-Werke im Zuge des Strukturwandels der ostdeutschen Industrie mit Hilfe von Steuergeldern von Grund auf saniert. Bislang wurden über 6,5 Milliarden Euro in den Standort investiert. Jedes Jahr werden zwölf Millionen Tonnen Güter hergestellt. 70 Prozent davon werden per Schiene abtransportiert.